Jetzt schreib ich mal richtig viel. Eigentlich bin ich ja nicht sentimental. Aber zwanzig Jahre Kosmetik Barbara Nier! Da fällt mir doch eine ganze Menge wieder ein.
Das alte Studio lag in einem riesigen Stockwerk am Hallplatz. Als meine damalige Chefin irgendwann das hatte, was man heutzutage einen Burnout nennt und es sie gen Süden zog, sprang ich ins kalte Wasser und übernahm diesen Dinosaurier von einem Studio mit all den Altlasten, die damit verbunden waren – und mich dazu. Wäre ich einfach woanders hin gegangen, hätte meine Chefin nicht aufhören können. Das allerdings wäre mir unfair erschienen und abgesehen davon auch gar nicht in den Sinn gekommen.
Bald, aber zu spät, bemerkte ich, dass es vor allem finanziell ein Riesenfehler war. Zu gerne wäre ich umgezogen, aber ich war per Vertrag viele Jahre an diese Räume gebunden, die viel zu groß und eigentlich total ungeeignet für mein Konzept waren. Siebzigerjahre in Reinkultur, nur war das damals nicht wirklich cool, eher „urban-rustikal“, weil meine Chefin auf Landhaus stand.
All die Jahre, in denen ich meinen Perfektionismus zügeln musste, weil hinten und vorne das Geld fehlte, um beispielsweise die Räume so zu gestalten, wie ich meine Kundinnen und Kunden gerne empfangen hätte! Im Kopf hätte man’s ja gehabt. Aber zuerst kamen immer Finanzamt, Bank, Vermieter. Zudem war ich sehr experimentierfreudig und streckte dauernd die Fühler nach neuen Techniken und Produkten aus. Schließlich hatte ich nicht die Kosmetikerin-um-die-Ecke als Vorbild, sondern eher Maria Galland persönlich oder vielmehr Kiki in Paris, über die ich einen Bericht in der Cosmopolitan gelesen hatte: Fachwissen und Stil ohne Ende, edel und zurückhaltend, innovativ und aus der Tradition schöpfend und dazu noch makel- und alterslos in ihrer eigenen Erscheinung.
Ich dagegen am Hallplatz in Nürnberg… Irgendwie hatte ich ständig das Gefühl, für all die Unzulänglichkeiten des Studios persönliche Wiedergutmachung leisten zu müssen. Viele meiner Kundinnen und Kunden haben mitgekriegt, dass ich nicht davon lassen konnte, mehr zu geben als ich mir vernünftigerweise leisten konnte, das liegt in meinem Naturell. Meine Chefin hatte mir deswegen oft die Leviten gelesen, waren es ja damals ihre Produkte, die ich so großzügig einsetzte, und ihr Studio, an dem ich ständig herumbastelte. Mit meinen eigenen Ressourcen ging ich keineswegs sparsamer um.
Im Nachhinein ist ja immer alles komisch, damals hat es nur genervt. Besonders die Umgebung wollte sich meinem kosmetischen Konzept einfach nicht anpassen. Zum Beispiel der ständige Kampf gegen absolut unpassende Gerüche, die durch unser Badfenster hereinkamen, das sich in einen düsteren Lichtschacht öffnete, in den die Abluftrohre einer Bratwurstküche mündeten und die allgegenwärtigen Tauben auf und ab flatterten, von anderen Tieren ganz zu schweigen. Mittwoch und Freitag waren gefürchtet: Mittwochs gab es saure Zipfel und Freitags Fisch. Das passt alles nicht zu Maria Galland, fand ich und lüftete strikt nach Plan.
In der Luitpoldstraße um die Ecke gab es vor dem Bau des Neuen Museums keine Spur von Kultur, die Tentakeln der Amüsiermeile reichten genau bis an unsere Hinterwand. Vor unserer Haustür dagegen begann das Einkaufsviertel. Abends katapultierte regelmäßig ein unvermitteltes Bummbummbumm meine endlich entspannte Kundin beinahe aus dem Stuhl – das war die Musik der Peepshow nebenan. Dieses Etablissement schwappte auch die ein oder andere unglaublich interessante Kundin zu uns herüber. Zum Beispiel Yvonne mit der tiefen, rauchigen Stimme, die so dicht behaarte Beine hatte, dass ich eines Tages nicht mehr an mich halten konnte und sie vorsichtig fragte, wie denn das mit ihrem Job zu vereinbaren sei. Ich hatte gerade die neuesten Techniken der Wachsenthaarung gelernt und hielt Yvonne modisch für eher aufgeschlossen. Der Blick mit dem sie mich ansah, ließ mich wie das allerdümmste, unbedarfte Küken vom Lande fühlen…
Das Merkwürdigste aber war, wie unser Haus einmal völlig unerwartete Berühmtheit erreichte: klammheimlich hatte sich ein illegaler Swingerclub im Dachgeschoß etabliert, von dem zwar manche Nachbarn gegenüber etwas ahnten, nur wir im Haus nicht, denn wie es hinterher herauskam, hatten wir ein zweites, getrenntes Treppenhaus, uns allen völlig unbekannt! Hinterher berichtete die Juwelierin von der anderen Straßenseite, sie hätte sich schon immer gewundert, dass ungewöhnlich viele Männer aus einer verspiegelten Geheimtür den Kopf heraus streckten, die Straße auf und ab schauten und dann ganz schnell ihrer Wege eilten. Die Geschichte flog erst auf, als eines schönen Sonntags ein armer Kerl, der ein wenig zuviel Aufregung, Champagner oder Viagra erwischt hatte oder alles miteinander, dort oben einem Herzinfarkt erlag und vor aller Augen schwebend über das Dach mit der Feuerwehrleiter geborgen werden musste, weil dieses Treppenhaus für eine Bahre zu eng war. Ich erfuhr es am nächsten Morgen, als unser Haus das Titelfoto der Abendzeitung zierte.