Prozent, Prozent

Ein alter Freund von uns war Zahnarzt und arbeitete in den Achtzigerjahren oft im Ausland für den Deutschen Entwicklungsdienst. Dazwischen, wenn er im Lande war, lud er uns irgendwo zum Essen ein. Einmal hielt er den Finger an die Lippen und sagte: Pst! Wisst ihr, woran ich erkenne, dass ich wieder in Deutschland bin? Wenn du essen gehst, hörst du an irgendeinem Nebentisch immer „Prozent, Prozent“.

Heute ist diese Art der Ortung nicht mehr so einfach, „Prozent, Prozent“ hat den Siegeszug über weite Teile der Welt angetreten. Mittlerweile auch in meiner Branche. Leute, die es sich leisten können, bieten Ware übers Internet zu drastisch erniedrigten Preisen an, bundesweit. Andere Leute, die angesichts dessen plötzlich ihrer eigenen Kosmetikerin gegenüber Misstrauen empfinden, ordern online und machen hocherfreut ein Schnäppchen.

Kaum eine meiner Kolleginnen hat sich jemals eine goldene Nase verdient. Vermutlich nicht mal die, die diesen Preiskampf vorantreiben. Dazu braucht man nämlich entweder Kapital im Hintergrund oder aber man müsste andere dafür zahlen lassen. Zum Beispiel die Kundin, die zu erstaunlich teuren Behandlungen käme. Oder das Personal. Irgendwer müsste dafür zahlen, sonst geht die Rechnung nicht auf.

Auf Dauer ist das weder gut für die Kosmetikkunden noch für die Branche, weil die idealistischeren, engagierten Kosmetikerinnen so irgendwann von der Bildfläche verschwinden werden. Dann kann sich nur noch eine privilegierte Schicht qualifizierte Behandlungen leisten. So wie früher. Der Rest sitzt vor dem Bildschirm oder steht im Drogeriemarkt und fragt sich, was seinem Hautproblem gerade helfen könnte.

Wo sind bei uns Ihre 15% Rabatt, mögen Sie sich fragen. Sie stecken in Fortbildungen und einer großen Auswahl hochqualitativer Behandlungsprodukte, Geräte und Materialien. Sie sind bei Amnesty International, den Reportern und Ärzten ohne Grenzen, bei Terre des Femmes, in der Schulausbildung und Unterstützung für ein junges Mädchen und ihr Dorf in Paraguay, finanziert durch Plan Deutschland, bei der Albert-Schweitzer-Stiftung, bei Greenpeace und vielen mehr.

Darüber hinaus unterstützen Sie durch Ihren Verzicht auf Schnäppchen nicht nur Hilfsorganisationen sondern auch das Konzept Ökostrom. Sonst hätte ich nämlich ein furchtbar schlechtes Gewissen, den Laden mithilfe von vierzehn überlangen Glühbirnen in ein freundliches, warmes Licht zu tauchen oder Sie auf einer großen Wellnessliege zu behandeln, die für Musik und Vibrationen permanent zusätzlichen Strom verbraucht.

Die Liste ist lang, vermutlich reichen die 15 Prozent dafür nicht einmal. Ich weiß es nicht, es ist mir auch egal, so lange ich es noch leisten kann. Eigentlich wollte ich nie großartig darüber reden, das Motto „tue Gutes und rede darüber“ war mir immer zu amerikanisch. Deshalb höre ich jetzt auch wieder auf.